N47°30.042’ - E009°44.922’                                                                                                                 

Seit nun mehr 12 Jahren besteht der Austausch zwischen der Organisation BilbaoArte und dem Land Vorarlberg. In all den Jahren wurden schon viele Kontakte zwischen Künstlerinnen und Künstlern beider Orte geknüpft. Dieses Jahr sind die Vorarlbergerinnen Sarah Bildstein und Janine Maria Schneider in Spanien. Im Gegenzug leben und arbeiten Pau Figueres und Fernando Villena seit Anfang September in Bregenz. Neben Aktivitäten wie Ausstellungs- und Atelierbesuchen sowie Ausflügen in das benachbarte Deutschland und die Schweiz standen das genaue erkunden und beobachten der Stadt sowie der Natur rund um Bregenz und Vorarlberg im Mittelpunkt ihres künstlerischen Prozesses. So entstanden spezielle, auf den Ort zugeschnittene, Projekte.
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Apropos Titel: Die geografischen Koordinaten im Titel der Ausstellung definieren einen Ort in Bregenz. Dieser wurde von den beiden Künstlern ausgewählt weil er für beide ein wichtiger Ausgangspunkt für ihre Arbeiten war. Wo genau sich dieser befindet werde ich Ihnen jetzt nicht verraten. Nur ein kleiner Hinweis: dort entstanden Fotos von Pau mit seinem Werk Kontrollzaun und man sieht den Pfänder, der Hausberg von Bregenz und ein wichtiger Ort für die Arbeit von Fernando Villena.
Dieser beschäftigt sich in seinem Werk mit der Beziehung des Menschen zur Natur. Ihn interessiert wie sich diese, durch die menschlichen Eingriffe verändert. Ein wichtiger Aspekt in Villenas Werk ist das Beobachten und Analysieren unseres Verhaltens in und mit der Natur. Wie nehmen wir diese wahr? Wie gestalten wir unsere ökologische Umwelt? Und wie definieren wir uns durch die Natur?
Fernando Villena ist für seine Recherchen viel gewandert - am Pfänder aber auch in der weiteren Umgebung von Bregenz und in ganz Vorarlberg. Das Laufen bzw. Gehen in der Natur ist für seine Arbeit essenziell. Ihn interessiert, wie wir uns durch die Landschaft bewegen und was wir dabei wahrnehmen und was diese Wahrnehmung beeinflusst. Jeder Schritt verändert die Perspektive. Der Künstler vergleicht das Laufen/Gehen mit unserem Denken - jede neue Position fordert eine neue Verarbeitung des Wahrgenommenen.
Um die zurückgelegten Wege zu analysieren war Fernando immer mit einem GPS ausgestattet welches sämtliche Daten seiner Wanderungen gespeichert und ausgewertet hat. So kann der Künstler Rückschlüsse zum Beispiel darüber machen wie viele Höhenmeter er überwunden  und wie schnell er sich bewegt hat. Ausschnitte dieser Analysen sind auch Teil der Ausstellung geworden. Zusammen mit ganz unterschiedlichem Kartenmaterial. Zum einen verwendet der Künstler handelsübliche, geografische Karten von Vorarlberg, dazu mischt er ganz persönliche Wegbeschreibungen.
Karten waren auch sein Ausgangspunkt für die Recherche in Bregenz. Er wollte keine objektiven Karten sondern einen Bezug zu den hier lebenden Menschen schaffen. Wie sehen sie ihre Heimat? Was ist ihr Bezug zur Natur? Dazu bat der Künstler unterschiedliche Bregenzerinnen und Bregenzer ihm seine Lieblingsorte mit dazugehöriger Wegbeschreibung mitzuteilen. Entstanden sind ganz unterschiedliche, sehr persönliche und kreative Karten. Fernando hat dann anhand dieses subjektiven Kartenmaterials die Orte aufgesucht und sich sein eigenes Bild davon und von dem Weg dorthin gemacht. Diese Interaktion mit den Menschen vor Ort war ihm sehr wichtig und ist neu in seiner Arbeitsweise. Er wollte nicht nur seine eigene Sicht auf den Austauschort zeigen sondern diesen mit der Erinnerung der Menschen vor Ort erleben.
Zum dem Kartenmaterial zeigt Fernando Villena Malereien und Fotografien. Oft verschwimmen die einzelnen Medien miteinander - eine Fotografie wirkt wie eine Malerei oder umgekehrt. Besonders die Fotografie in der Vitrine, welche im Kunsthaus Bregenz aufgenommen wurde und die Betonwand sowie die eingebaute Wand in der Ausstellung von David Claerbout zeigt, macht das deutlich. Man hat das Gefühl eine Malerei zu sehen.
Fernando Villena arbeitet immer aus der Erinnerung heraus - es gibt keine Fotos welche konkret als Vorlage für seine Malereien dienen.
Die abstrakten Werke halten die Stimmungen der Natur fest. Man erkennt die herbstlichen Farben der Bäume am Pfänderhang wieder. Die Malereien sind in Schichten aufgebaut. Diese suggerieren die Wahrnehmung der Landschaft wenn man diese durchwandert. Dinge die näher sind wirken größer wie Dinge die sich noch weiter weg befinden. Auch die geometrischen Formen wirken nur von weitem exakt - beim genauen Hinsehen sind die Linien nicht mit dem Lineal gezogen sondern es handelt sich um organische, mit der Hand gezeichnete Linien.
Die Formen auf den Malereien finden sich auch auf den Fotografien wieder. Und auch die fotografischen Arbeiten sind in Schichten aufgebaut. Oft sieht man Blicke in weite Berglandschaften oder Wege durch einen verwilderten Wald die immer einen Vorder-, Mittel- und Hintergrund haben. Die Fotografien halten den Kreislauf der Natur fest. Ein halb verfallener Schuppen wird durch das Bewachsen von Moosen und Gräsern wieder zurück zur Natur gebracht. Die vom Menschen geschaffenen Formen werden am Ende wieder zurückgeführt zur Natur.
Eine abstrakte Collage, die Fernando Villena am Computer zusammengestellt hat, vereint verschiedene Materialien und Strukturen die der Künstler hier vor Ort gefunden hat wie zum Beispiel Schindeln oder Gesteine aus Vorarlberg. Er zeigt nicht die Dinge an sich sondern nur das was sie repräsentieren.
Ein Foto zeigt Fernandos temporäres Atelier hier in Bregenz. Es ist für ihn der Ort an dem sich die Erinnerungen von Außen manifestieren und neue Formen erhalten. All seine Werke basieren auf der Erfahrung hier in Vorarlberg zu sein und diesen Ort, durch das erleben der Natur, zu erfahren. Deshalb auch der übergreifende Titel der entstandenen Werke - Subjektive Kartografie. Sie verweigern sich einer Objektivität und zeigen stattdessen Stimmungen des Austauschortes wahrgenommen von Fernando Villena.
Aber erleben Sie die Werke selbst und scheuen sie sich nicht die beiden Künstler anzusprechen.
Am Ende möchte ich noch den Künstlern sowie allen Beteiligten dieses Austausches ein herzliches Dankeschön aussprechen: Winfried Nussbaummüller, Lisi Dobler, Peter & Kathy Feuersinger, Stephi Wladika und Lisi Hämmerle. Sowie dem Kunsthaus Bregenz, besonders dem Technikteam, für seine Unterstützung.

Kirsten Helfrich,
2018.
Bregenz, Austria.
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